Reise nach Jägertal
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Unseren Eltern und Großeltern in Liebe und Dankbarkeit,
allen Jägertalern zum Vermächtnis.   

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Zu diesen Tagebuchnotizen

Erst seit 1991 können fast alle Orte des früheren Nordostpreußens, das sich die Sowjetunion seit 1945 einverleibt hat, wieder besucht werden. War dies bisher nur auf Zug-, Flug-, und Busreisen beschränkt, kann man jetzt sogar mit dem Privat-Pkw die Fahrt durchführen. Die südliche Hälfte, die den Polen zugeordnet wurde, habe ich seit 1978 schon mehrmals bereist. Für die Fahrt ins nördliche Ostpreußen ist ein litauisches und russisches Visum erforderlich. Die Bearbeitung des russischen Visumantrags erfolgt nur dann, wenn eine Übernachtungsbestätigung gleichzeitig mit vorgelegt wird. Aufgrund verschiedener Reiseinformationen mieteten wir einen Diesel- Pkw, weil dessen Kraftstoffversorgung (eher etwas) günstiger zu beurteilen ist. Auch einer eventuellen Lebensmittelknappheit beugten wir mit reich- lichem Proviant vor. Die Fahrt durch das bis 1918 bzw. 1945 alte Preußen hat mich wie schon so oft fasziniert. Die Heimkehr nach siebenundvierzig Jahren in das völlig zerstörte Dorf meines Eltern- und Geburtshauses hat mich zutiefst bewegt und wird noch lange nachwirken. Die Notizen zu dieser Reisebeschreibung erfolgten spontan, überwiegend an Ort und Stelle und wurden von meiner Frau stenographisch festgehalten. Sie sind voller Emotionen. Heute, einige Wochen später bei der Reinschrift, möchte ich ganz bewußt meine unmittelbaren Eindrücke so auch stehenlassen. Auf einem Gedenkstein am Königsberger Dom las ich folgende Zeilen >in lateinisch und deutsch: Wer nach der Wahrheit die er bekennt, nicht lebt, ist der gefährlichste Feind der Wahrheit selbst. (Julius Rupp 1809-1884)
Mittwoch, den 29.04.1992

1. Tag

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog über fremde Lande, als flöge sie nach Haus. (Josef v. Eichendorff) Am ersten Tag fuhren wir von Miltenberg am Main über Fulda, Weimar, Dresden bis nach Posen, insgesamt ca. 850 km. Die deutsch-polnische Grenze überquerten wir vom deutschen Guben ins polnische Gubin. Diese Grenzstadt liegt ca. 50 km südlich von Frankfurt/Oder. Auf deutscher Seite fahren wir einfach durch, auf polnischer Seite erfolgt eine kurze Paßkontrolle; das war nicht immer so. Auch im Vergleich zu alten DDR-Verhältnissen springen dem Betrachter die Unterschiede zwischen Guben und Gubin ins Auge. In Gubin wirkt zu vieles ausgesprochen heruntergewirtschaftet. Die Ruine einer großen alten Backsteinkirche fällt mir im Vorbeifahren auf. Der erste Eindruck von Polen ist wenig einladend. Wir sehen einen stark alkoholisierten Erwachsenen auf dem Gehsteig unbeachtet dahertorkeln. Zwei Jugendgruppen, sinnlos betrunken, wanken mitten auf der Autostraße und können nur mühsam umfahren werden. Auf der Fahrt Richtung Posen durch die alten, ehemaligen deutschen Orte sehen wir sehr viele total verwahrloste Gebäude und Anwesen. Mir scheint der Verfall deutlicher fortgeschritten, als ich dies auf der gleichen Strecke vor mehreren Jahren schon einmal registrierte. Die von Polen erbauten neuen Gebäude scheinen in der Bauweise völlig dem alten herkömmlichen Baustil dieser Landschaft zu widersprechen und stoßen mich ab. Die Polen selbst, die wir im Verlauf des Tages um Auskünfte bezüglich der Wegstrecke und des Hotels in Posen befragen, sind überwiegend zuvor- kommend, freundlich und aufgeschlossen. Dagegen fallen uns viele pol- nische Autofahrer mit größeren deutschen Wagen wegen ihrer sehr rasanten and aggressiven Fahrweise auf. Verkehrsbestimmungen scheinen für sie nicht zu gelten. Posen wirkt trist und grau wie viele polnische Städte und daran ändert auch nichts der aufgebaute alte Stadtkern. Unser Hotel hat eine pompöse Ein- gangshalle, die Zimmer sind sauber, einfach und zweckmäßig; alles funktio- niert. Aus Sicherheitsgründen wird uns geraten, gegen zusätzliche Bezah- lung das Auto in einer bewachten Garage abzustellen. Posen selbst fällt uns durch seinen hektischen und lauten Verkehrslärm bis spät in die Nacht auf; die Stadt scheint voller Leben. Bei unserem Abendspaziergang suchen wir eine sehr alte, 1244 erbaute Backsteinkirche auf, ohne daß wir hier noch einen Hinweis auf die deutsche Vergangenheit finden. Der nicht mehr benutzte Friedhof mit hohen Bäumen ist verschlossen, doch hier sind durch den Zaun immer noch deutsche Spuren erkennbar. Morgens um 02:00 Uhr werde ich wach, sehe über das einigermaßen er- leuchtete Posen und denke, auch dies war eine seit Jahrhunderten -bis 1918- alte deutsche Stadt. Wer, außer uns Vertriebenen aus dem Osten, macht sich noch große Gedanken über dieses ehemalige deutsche Land, das für immer verloren sein soll? Was wäre gewesen, wenn sich die Wiedervereini- gung, an die nur Unentwegte den Glauben nie aufgaben, sich einige Jahre früher vollzogen hätte? Wäre nicht eine weitere Grenzverschiebung nach Westen zu verhindern gewesen, wenn wir mit den Russen zäher und unnach- giebiger verhandelt hätten? Warum haben wir das Diktat des Versailler Vertrags von 1919 so schnell vergessen? Ist Polen nicht heute schon von seiner Einwohnerzahl her mit der flächenmäßigen Größe seines Landes überfordert? Haben sich die Polen eigentlich auch um die Rückgabe ihrer 1945 an die Russen verlorenenen Landesteile ernsthaft bemüht? Polen hat dies tunlichst vermieden, weil die Abfindung mit den deutschen Ostgebieten, Pommern und Schlesien, in keinem Verhätnis zu dem stand, was der Russe ihnen weggenommen hatte. Diese Unrecht gegenüber den Deutschen und Polen wird immer ein Unrecht und eine historische Wahrheit bleiben.
Donnerstag, den 30.04.1992

2. Tag

Nach einem für uns erstaunlich reichhaltigen und vielseitigen Frühstück setzen wir heute von Posnan/Posen über nach Torun/Thorn, Osteroda/Osterode, Olsztyn/Allenstein, bis in die Nähe von Mikolajki/Nikolaiken - ca. 500 km - unsere Reise fort. Bei sonnigem Wetter verläuft die Fahrt durch das ehe- malige Westpreußen und dann durch den südlichen Teil Ostpreußens sehr abwechslungsreich und unterhaltsam. Wälder und Felder wirken größten- teils sehr kultiviert. Auffallend erscheint uns die steigende Zahl verlassener Häuser und Bauernhöfe in ländlichen Gegenden. Wie in den früheren Jahren beobachten wir zahlreiche nistende Storchenpaare. Die heraus- ragende Schönheit der Masurenplatte nimmt uns wie schon so oft gefangen - und auch hier wohnten bis 1945 Deutsche. Ich kann diesen Gedanken nicht unterdrücken. Die kleine, stark verstreute deutsche Minderheit, die bis heute noch hier lebt, sieht sich zunehmenden Feindseligkeiten ausgesetzt und das trotz des deutsch-polnischen Vertrages und dem jüngsten Schulden- erlaß von mehreren Milliarden Deutscher Mark. Ein Ereignis ist die Stadtbesichtigung von Torun/Thorn. Hier erbauten die Deutschordensritter 1231 ihre erste Burg. Die Überreste und andere imposante Bauwerke werden bei pfleglicher Behandlung auch noch nach weiteren Jahrhunderten so deutsch wirken wie am ersten Tag. Es wimmelt von polnischen, jugendlichen Besuchsgruppen, auch deutsche Touristen sind vertreten. Zu gerne würde ich die polnischen Erklärungen der Stadt- führer verstehen, weil Polen bis heute die Jahrhunderte alte deutsche Geschichte dieses Landesteiles verfälscht. Wir übernachten heute unangemeldet bei einer polnischen Familie, die wir 1990 kennen und schätzen gelernt haben. Auch dieses Mal werden wir sehr offen und herzlich aufgenommen. Vor dem Einschlafen ärgere ich mich zum wiederholten Male darüber, mit welcher Unverfrorenheit von polnischer Seite aus deutsche Touristen daran gehindert werden, auf direktem Weg das nördliche Ostpreußen zu besuchen - wie lange noch - ? Die Unfähigkeit vieler deutscher Politiker ist grenzenlos. Von hier aus wäre ich in 2 Stunden zu Hause. Morgen müssen wir über Litauen einen Umweg von ca. 400 km machen. Wird so die vielzitierte und herbeigewünschte deutsch-polnische Aussöhnung gefördert?
Freitag, den 01.05.1992

3. Tag

"Wer sich nicht genau auskennt, findet sich nicht mehr zurecht." (Eine ältere Hausfreundin, die 1991 Jägertal besuchte.) Heute ist nun der Tag, an dem ich nach 47 Jahren zum erstenmal wieder meinen Geburtsort sehen soll. Nach 200 km erreichen wir wohlgemut um ca. 09:00 Uhr die polnisch/ litauische Grenze Ogrooniki/Lazdijai. Die Grenzabfertigung scheint hier äußerst mangelhaft organisiert. Für 200 Meter benötigen wir ca. zwei Stunden. Busse, Lastkraftwagen und Personenfahrzeuge dürfen nur in einer Reihe vorfahren. Die unterschiedlichen längeren Bearbeitungszeiten z.B. Zollabfertigung der Lkw, Paßüberprüfungen der Busreisenden gehen also voll zu Lasten der Pkw-Fahrer. Auf polnischer Seite ist die Grenzstelle eine üble Müllkippe, ohne sanitäre Einrichtungen, was für Frauen besonders schlimm ist. Der litauische Grenzbereich ist vorbildlich sauber, einfache Toilettenhäuschen sind ausreichend vorhanden. Die Abfertigung selbst nimmt nur 45 Minuten in Anspruch. Die Fahrt durch Litauen bis zu dem russischen Grenzort in der Nähe von Wirballen verläuft ohne Schwierig- keiten. Nach einer sehr kurzen, völlig unproblematischen Grenzabfertigung durch die Russen beginnt nun unsere Fahrt durch das ehemalige nördliche Ostpreußen. Die sich jetzt am laufenden Band ergebenden Eindrücke erden mir und meiner Frau bis zu unserem Lebensende unvergessen bleiben. Das von den Russen seit 1945 besetzte Ostpreußen ist ein total verkommenes und ver- wüstetes Land, eine andere Einschätzung wäre blind und unehrlich. Die meisten Städte und Dörfer, die wir sehen, sind in ihrer Ursprünglichkeit kaum noch erkennbar. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen scheinen im Vergleich zu Polen und Litauen nur lieblos und oberflächlich bestellt. Die Kolchosen und Sowchosen sowie die dazugehörigen Unterkünfte der Arbeiter, an denen wir vorbei kommen wirken fast überall gelinde gesagt äußerst abstoßend. Wie man hier leben und arbeiten kann ist unvorstellbar. Es scheint Wahrheit zu sein, Ostpreußen starb nicht nur 1945, das nördliche Ostpreußen ist noch jahrzehntelang danach weiter gestorben. Wann wird man es endlich im wahrsten Sinne des Wortes zu Grabe tragen? Wir durchfahren nun mit ganz kurzen Zwischenhalten das frühere Eben- rode, Gumbinnen, Insterburg und gelangen dann nach Norkitten. Von hier sind es noch ca. 7 km nach Jägertal. Bis Norkitten erscheinen die Straßen- verhältnisse mit Ausnahme der Ortsdurchfahtrten noch akzeptabel. Die vor- mals geschotterte Chaussee nach Jägertal ist heute ein fürchterlicher Feld- weg, der mit Pkw teilweise nur im Schritt passierbar ist. Mit jedem Kilometer auf Jägertal zu wächst die Spannung. Dazu kommen noch Irritationen, weil ich die früheren Orte am Weg, Daupelken und Otter- wangen, in keiner Weise mehr wahrnehmen kann. Sicher bin ich mir, an den Überresten des Gutshofes Albrechtstal, ca. 1,5 km von Jägertal, vorbei- zufahren. Vom Forsthaus, das jetzt linker Hand kommen müßte, ist nichts mehr zu sehen. Die eigentliche Katastrophe aber jetzt: Ich finde Jägertal nicht! Durch meine berufliche Verbindung habe ich gelernt, Karten zu lesen und doch vermag ich die Überreste des Dorfes in der waldreichen Umgebung nicht zu erkennen. Bei der Flucht am 21. Januar 1945 war ich erst sieben- einhalb Jahre alt, aber sehr viele Erinnerungen, in allen Einzelheiten, habe ich fast 5 Jahrzehnte wachgehalten! Ich sehe Tümpelreste, die nie der Dorf-
 Skizze von Jägertal
teich gewesen sein können, ich stolpere über Trümmerhaufen von Ziegel- steinen, die keinen Sinn in dieser Umgebung machen. Ich wate knöcheltief durch versumpftes Grasgelände, durchstreife Buschwerk und stoße auf keine Spuren der Erinnerung. An einer Stelle ist der Wald dem alten Jägertal zu nahe, an anderer Stelle zu weit entfernt. Wo ist die gepflasterte Dorf- straße? Der unmittelbare Ortsbereich erstreckte sich früher ungefähr über einen knappen Kilometer Länge und ca. 200 Meter Breite. Nach drei Stunden gebe ich das Suchen verzweifelt auf, da wir ja noch unser Hotel in Königsberg, ca. 100 km entfernt, erreichen müssen.
 Alte Ostpreußenkarte
Bei anbrechender Dunkelheit sind wir am Ziel. Mehrere Jugendliche um- lagern äußerst aufdringlich, fast aggressiv, unser Auto. Die einen wollen das Auto säubern, die anderen Ansichtskarten und Ramsch verkaufen. Ich ziehe es vor im Pkw zu bleiben, meine Frau nimmt Fühlung mit dem Hotel auf. Nach kurzer Zeit kommt meine Frau mit einem Dolmetscher. Diesem gelingt es mühsam, die Jugendlichen etwas auf Distanz zu halten. Der öffentliche Parkplatz vor dem Hotel scheint mir völlig ungeeignet. Nach einigem Hin und Her bestehe ich darauf, einen eingezäunten, von scharfen Hunden bewachten und rund um die Uhr kontrollierten Pkw-Abstellplatz anzufahren. Irgendwann, nervlich ziemlich am Ende, gelangen wir ins Hotelzimmer. Hier möchte mir meine Frau ihre ersten Königsberger Eindrücke schildern, ich winke nur ab. Mir reichts, ich kann nicht mehr. Endlich zur Ruhe gekommen, fällt mir die Erklärung ein, warum ich heute Jägertal nicht gefunden habe. Es war bis Jägertal schon zu viel Nieder- drückendes auf mich eingestürmt. Auch hatte ich den Kartenmaßstab, als es wirklich darauf ankam, zu großzügig gehandhabt. Hier ging es um Meter, morgen ist ein neuer Tag: ich werde alles finden!
Samstag, den 02.05.1992

4. Tag

Erde, liebe Erde, die du mich geboren hast, bin ich hier zuhause oder bin ich Gast? (Ursel Peter) Nach dem Frühstück legt man uns heute morgen eine Rechnung vor, obwohl wir in Deutschland das Hotel mit Übernachtung und Frühstück, schon bezahlt haben. Erst nach Intervention des Dolmetschers kann der Sachver- halt aufgeklärt werden. Ich lasse es dahingestellt, inwieweit hier die Organi- sation versagt oder man uns tatsächlich für dumm verkaufen will. Auf der gleichen Strecke, die wir gestern abend gekommen waren, fahren wir dann in entgegengesetzter Richtung über Tapiau, dem Geburtsort meiner Mutter und Wehlau bis Norkitten. Mein Versuch nach Norkitten, Jägertal etwas anders als gestern nachmittag über einen früheren Feld- und Waldweg an den Aussiedlerhöfen Mengenwiesen vorbei zu erreichen, schlägt allerdings auch fehl. Trotzdem bin ich überhaupt nicht entmutigt. Ich bin davon überzeugt, heute wird mich nichts davon abhalten, unser Dorf an der richtigen Stelle zu markieren. Auf die Chaussee nach Albrechtstal zurückgekehrt, halte ich nun öfter an und vergleiche die Karte mit dem Gelände. Es gelingt mir sehr genau, Waldspitzen, Lichtungen, Wegebiegungen und teilweise sogar alte Abzwei- gungen, die aber nicht mehr benutzt werden, zu bestimmen. Und plötzlich stehe ich vor Jägertal. Ich sehe links die kaum wahrzunehmenden Überreste der Post Baumgarth und etwas weiter rechts einen der kleineren völlig verschilften Dorfteiche. Ich bin zu Hause! Wieso ich gestern so blind gewesen war, ist mir rätselhaft. Um unser elterliches Anwesen auch ganz sicher festzustellen, identifiziere ich anhand einer Dorfskizze erst die unmittelbaren Nachbargehöfte. Es paßt alles zusammen. Natürlich habe ich mir manches viel größer vorgestellt, aber mit jeder Minute wird alles immer vertrauter. Unser Geburtshaus ist nur an der vorderen Sockelmauer, die in voller Länge von 15 Metern mit dem Erdboden bündig liegt, und den Zementresten der Terrasse zu erkennen. Eine mittlerweile schon ansehnliche Eiche, die ver- setzt vor dem gebäude steht und von meinen Eltern oder Großeltern gepflanzt wurde, belegt auch fotografisch anhand fünfzig Jahre alter Bilder den Standort des Gebäudes. Der restliche Grundriß ist völlig mit Schutt und Erde bedeckt und läßt sich nicht ausmachen. Der Hofbrunnen ist zuge- schüttet und ich kann nur vermuten, wo er war. Vom Pferdestall ist verwunder- licherweise der sehr massiv gemauerte Pferdetrog fast unbeschädigt stehen geblieben. Vom Schweine- und Kuhstall ist nichts mehr zu sehen. Dort, wo die Scheune war, liegen noch einige größere Feldsteine als Überreste des Fundaments herum; die Ausmaße bleiben völlig unklar. Die gemein- same nachbarliche Viehtränke, eine mit Weidenbüschen umstandene Wasserkuhle, ist noch vorhanden. Bei näherer Ortsbesichtigung finde ich auch die Erklärung, warum es keinen Dorfteich mehr gibt. Man hat das frühere kleine Stauwehr zerstört und der Bach fließt jetzt ungehemmt durch Jägertal. Ein russischer Viehhirte, der sich im Verlauf des Tages zu uns gesellt, ist mir eine große Stütze. Er ist seit 1947 auf der östlichen Kolchose bei Norkitten beschäftigt. Mehrfach hilft er uns in anrührender Weise meine Einschät- zungen im Dorf zu bestätigen oder in Zweifelsfällen sogar zu korrigieren. So bezeichnet dieser Russe an Hand von Fotos unser Haus sofort an der richtigen Stelle, ohne daß ich ihm zuvor zeigte, wo das Haus früher stand und wie es aussah. Als er auch noch die Überreste unseres Dorfkruges am richtigen Platz wörtlich als "Restaurant" anspricht, ist er für mich absolut glaubwürdig. Einen neuen Schock versetzt er mir, als er in meinen Notiz- block die Jahreszahl 1967 schreibt und damit unmißverständlich erklärt, bis zu diesem Datum habe unser Wohnhaus noch gestanden. Wegen der vorhandenen Sprachschwierigkeiten bleibt letztlich im dunkeln, wie viel von unserem Dorf zum Zeitpunkt des Kriegsendes zerstört war. Doch scheint klar zu sein, daß im Verlaufe der Jahrzehnte durch Witterungs- einflüsse, mutwillige Zerstörungen, systematisches Abwracken von Häusern und Stallteilen als Baumaterial für den Kolchosenaufbau an anderer Stelle und durch das Einebnen der letzten Überreste sich der heutige Zustand ergeben hat. Ein weiteres Indiz für diese Einschätzung ist, daß man in ganz Jägertal auch nicht die geringsten Holzbalkenreste findet. Früher waren in Jägertal, ohne die ausgegliederten Ortsteile Mengewiesen und Albrechtstal, ungefähr fünfzig Familien beheimatet. Am 21. Januar 1945 mußten wir mit dem Pferdetreck das Dorf verlassen. Urkundlich ist fest- geschrieben, daß der Ursprung von Jägertal bis ins 17. Jahrhundert reicht, die Zeit des großen Kurfürsten. Soll alles, was bis dahin gewesen war end- gültig ausgelöscht sein? Ich kann und will es nicht glauben! In diesem Zusammenhang habe ich auch heute mehrmals meine Fassung verloren, zum Abend hin aber wieder meinen Frieden gefunden. Beim Abstellen unseres Pkw's in Königsberg auf dem bewachten Parkplatz ergibt sich eine weitere positive Begegnung mit einem Russen. Hierbei können wir es nicht verhindern, daß uns dieser Russe spontan gleich mit nach Hause nimmt. Unsere Befürchtung, einer berechnenden Aufdringlich- keit aufgesessen zu sein, erweist sich als absolut haltlos.
Sonntag, den 03.05.1992

5. Tag

Im Gegensatz zu gestern, fällt das Frühstück heute sehr spartanisch aus. Hatte es am Vortag in ausreichender Menge Kaffee, Brot, Wurst, Käse, Eier, Äpfel und sogar ein Schälchen Kaviar gegeben, sind heute nicht einmal genügend Brot, Butter und Kaffee vorhanden. Eine außerplanmäßig einge- troffene Reisegruppe muß als Grund herhalten. Aus unserem heutigen Tagesprogramm klammerte ich Jägertal bewußt aus, um ein wenig Abstand zu gewinnen. Das frühere Samland, der Landesteil nördlich von Königsberg, die Ost- seeküste und die kuhrische Nehrung mit dem Haff wollen wir heute im Vor- beifahren besichtigen. Cranz, Sarkau, Rossitten, Nidden, Rauschen und Palmnicken sind nun unsere besonderen Zielpunkte. In Cranz ist von dessen früheren Flair nicht viel zu spüren, obwohl neben neuen Wohnsilos, primi- tiven Ferienheimen sehr wohl noch alte Stadtteile anzutreffen sind. Viele dieser ehemaligen deutschen Häuser, Restaurants und Cafés direkt an der Strandpromenade befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Anzu- treffen sind auch noch Mauerteile mit Fenster- und Türhöhlen sowie total zerlöcherte Dachabdeckungen. In ganz Cranz haben wir kein Speiselokal oder etwas Ähnliches gefunden. Trostlos! Mehrere Kinder verfolgen uns kreuz und quer durch die Stadt mit "Germansky-Scherben" und ähnlichem. Der Strand hingegen von Cranz ist so einladend wie früher. Während unseres Spaziergangs durch Cranz bitte ich die örtliche Polizei, unser Auto im Polizeihof abstellen zu dürfen. Genau zu diesem Zeitpunkt wird ein total betrunkener Russe in Gewahrsam genommen. Auf der weiteren Fahrt über die Kuhrische Nehrung ist zu Sarkau und Rossitten selbst nicht viel zu sagen. Es sind nicht die kleinsten Ansätze eines touristisch erschlossenen Gebietes sichtbar. Auch hier scheinen die Menschen in äußerst dürftigen Verhältnissen zu leben. Die meisten alten deutschen Häuser sehen stark heruntergekommen und in höchstem Maße instandsetzungsbedürftig aus. Malerische Eindrücke, die es hier früher massenweise gegeben haben muß, sind nicht erkennbar. Von der einstmals berühmten Vogelstation Rossitten sehen wir nichts. Im Verlauf der Weiterfahrt auf der Kuhrischen Nehrung werden wir durch einen Schlagbaum aufgehalten. Nach der Bezahlung von 33 Rubeln, der russische Wachposten wollte aber vor allem deutsches Geld haben, werden uns widerstrebend Passagierscheine ausgestellt, erst dann dürfen wir die Fahrt fortsetzen. Möglicherweise steht dieser Kontrollpunkt im Zusammenhang damit, daß sich auf der Kuhrischen Nehrung mehrere große Militäranlagen befinden. Man begegnet ständig Soldaten aller Waffengattungen. Der Strand der Kuhrischen Nehrung auf Ostseeseite ist überall einladend und hinreißend schön. Vor Nidden muß die russisch-litauische Grenze durchfahren werden. Nach Vorzeigen unserer russischen und litauischen Visa und Bezahlung von 205 Rubeln - wofür trauten wir uns hier nicht zu fragen - erhalten wir freie Fahrt. Nidden, bis 1918 deutsch, ist ein gut erschlossener Urlaubsort mit fast westlichem Standard. Der Unterschied ist so gravierend, daß er uns fast unbegreiflich erscheint. Die Bauten, Straßen und Anlagen sind alle in Schuß und gepflegt. Das Restaurant kann nur weiterempfohlen werden. Dem Thomas-Mann-Haus können wir nur im Vorbeifahren unsere Reverenz erweisen. Auf der Rückfahrt von Nidden nach Königsberg erlauben wir uns einen Abstecher über rauschen und Palmnicken. In Rauschen fallen uns etliche größere Feriensilos auf; hier ist man offenlich auf einen wachsenden Touristenstrom im Sommer eingerichtet. Ansonsten spricht uns Rauschen wenig an, Palmnicken scheint weitgehend in seiner herkömmlichen alten Form erhalten. Doch auch hier ist der Zustand der Häuser nicht besser als anderswo. Auffallend sind mehrere große Industrieanlagen. Insgesamt verläuft die Fahrt übers Land auch in diesem teil Ostpreußens genau so depremierend, wie wir es schon östlich von Königsberg erlebten. Mir scheint, als wären ganze Landstriche fast unbesiedelt und arbeitende Menschen auf dem Lande, Bauarbeiter und andere Handwerker können wir so gut wie nie beobachten. Wir sehen lediglich mehrmals weibliche und männliche Straßenfeger in Kleinstädten. Nur einmal bemerken wir eine kleine Straßenbaukolonne in welcher auch Frauen mithelfen, die mit vor- sintflutlichen Methoden Straßenschäden ausbessern. Und wieder kann ich meine Gedanken nicht verdrängen: was hat man bloß aus diesem Land gemacht! Wie konnten die Deutschen Hitler und die Russen Stalin so lange ertragen? Unsere Politiker sollten sich bei ihren notwendigen Auslandsreisen, zumal in Richtung Osten, mehr übers Land fahren lassen, um realistischere Ein- drücke zu gewinnen.
Montag, den 04.05.1992

6. Tag

"Tauche in Erinnerungen, lebe Seele, tief hinein! Lied wach auf, wie's einst erklungen und es redet jeder Stein!" (G.G.) Heute sind wir zum dritten Mal in Jägertal. Unterwegs werden wir von einer Polizeistreife wegen zu schnellen Fahrens gestoppt und genau kontrolliert. Ich entgehe nur knapp einer Geldstrafe. In Norkitten begegnen wir einer russischen Frau, die wir schon in den letzten Tagen bei der Versorgung von Kolchos-Kühen an der Chaussee nach Jägertal kennengelernt haben. Ihr überreichen wir mehrere Pakete ebgelegter Kleider von zu Hause. Der überaus freundliche und natürliche Dank beschämt uns. In Jägertal schließe ich meine Aktion ab, alle Dorfreste zu fotografieren. Dank einer sehr genauen Dorfskizze von Willi Brätschkus (Vater Emil) gelingt es mir, fast alles Gehöftereste auf einem Dia-Film festzuhalten. Inwie- weit später das Bild einem Heimatfreund ein Erkennungszeichen sein wird, bleibt abzuwarten. Häfig genug hat die Planierraupe ganze Arbeit geleistet. Am frühen Nachmittag beginnen wir mit der nicht leichten Suche nach Fundstücken aus der Vergangenheit des Dorfes. Wir wollen möglichst vielen Jägertalern und meinen Geschwistern ein kleines persönliches Präsent mit- bringen. Manche Funstücke sind ganz erstaunlich. Wir werden fündig mit Geschirrteilen aus Haushalten, Teller- und Tassenscherben, teilweise sogar mit farbigen Blumenmustern, Ofen-, Herd- und Badekachelofenresten, einer grünen durchgerosteten Blechschüssel, Steingutscherben und Ähnlichem. Auf dem Grundstück unseres Dorfkruges finden wir Gläser- und Bier- flaschenscherben mit dem deutschen Hinweis auf die Brauerei, "Preußen/O". Eine vollständige Eisenkette für das Vieh, die nur ca. 10 cm au der Erde ragte, ein Eisenbeil ohne Stiel, eine zur Hälfte verrostete Milchkanne, guß- eiserne Feuerabdeckringe, Türschlösser mit Handgriff, Scharniere und Beschläge von Häusern und Ställen sind weitere Zeugnisse der dörflichen Vergangenheit. Bei vielen Anwesen ist auch nach längerem Suchen und Herumstochern in der Erde nichts zu finden. Für die Nachkommen rechter Hand unseres Hofes löse ich einen Naturstein aus der Grundmauer, einem anderen Schicksals- gefährten bringe ich nur einen Ziegelstein mit. Ich bin davon überzeugt; mit mehr Zeit, Überlegung und entsprechendem Gerät hier noch Schätze bergen zu können, auch wenn es nicht Gold und Silber ist. Zu einem weiteren traurigen Erlebnis wird der Friedhofsbesuch. Der Fried- hof befand sich früher ca. einen Kilometer nordwestlich vom Dorf am Wald- rand. Zu ihm führte nur ein Feldweg. Jetzt ist auch nicht eine Andeutung von Spuren dieses Weges über die Viehweiden hin irgendwo auszumachen. In der Karte ist der Platz nicht bezeichnet. Ich ahne die grobe Richtung und nach einem etwas mühsamen Marsch durch Sumpfgelände und über Wasser- gräben, finden wir ihn. Die letzte Ruhestätte der ehemaligen Jägertaler ist völlig verwüstet. Bei eingehender Suche nach deutschen Spuren können wir auf einer umge- stürzten Grabsteinfassung lückenlos die Lebensdaten von "Anna Herrmann", geboren 07.10.1843, gestorben 25.08.1920, entziffern. Auf den von uns zusammengesetzten Einzelteilen des einzigen noch vorhandenen Grab- steins lesen wir "Unsere liebe Wilhelmine Reinecker" geb. Hauptmann oder Kaufmann, geboren 23.10.1858, gestorben 12.06.1943. Schändlich ist es, daß Grabräuber bis heute hier herumwühlen, wie ganz frische viereckige Erd- löcher dies beweisen. Vergebens ist die Spurensuche nach der Grabstätte unseres Zwillingsbruders Peter, der 1944 nur wenige Wochen vor der Flucht hier begraben wurde. Auf einer kleinen Anhöhe in der Nähe des Friedhofes mit dem Blick auf das Dorf, von hier aus nur als eine Baum- und Buschinsel im umliegenden Vieh- weidegelände erkennbar, sagen wir Jägertal Leb wohl. Friedhöfe sind seit eh und je vor allem Orte der Trauer und der Rückbesinnung. Hier wird uns bewußter die uralte Frage nach dem Sinn, nach Glück und Verzicht, Liebe und Tod, aber auch nach Frieden und Vergeben. Mir winkt von Jägertal her kein rotes Ziegeldach und kein rauchender Schornstein. Kein geschäftiges Leben oder Treiben aus dem Dorf ist zu hören, kein Bauer auf dem Feld zu sehen. Überall nur Leere und eine geradezu unnatürliche Stille. Und die Stille kommt aus dem brach liegenden Land, das damit unüberhörbar laut nach Menschen und Leben ruft. Unterwegs zum Dorf stößt der russische Viehhirte zu uns. Er versteht gleich, daß wir heute zum letzten Mal hier sind. Unsere Umarmung ist spontan und echt, wir fühlen uns als Freunde. Zuvor hat er mir noch die Überreste einer Tret- oder Panzermine als Präsent von Jägertal überreicht. Welch eine Ironie! Er will mir damit eine Freude machen. Kurz hinter Albrechtstal, mitten auf der Chaussee nach Norkitten, kommt auf einmal sehr überraschend eine Schar Kinder auf unser Auto zugerannt. Dahinter bemerken wir die uns schon bekannte russische Kolchosefrau mit einer Arbeitskollegin und einen Mann. Uns wird es etwas unheimlich. Wir halten an. Die Kinder umringen uns, die beiden Frauen und der Mann begrüßen überaus herzlich und bedanken sich noch einmal für die Pakete. Wir glauben zu verstehen, daß sie uns fragen, wann wir wieder kämen. Auf die total verschmutzte Rückfensterscheibe unseres Autos schreibe ich mit dem Zeigefinger 1993.
Dienstag, den 05.05.1992

7. Tag

"Und daß Du, Königsberg, nicht sterblich bist." (Agnes Miegel) An unserem letzten Tag in Ostpreußen wollen wir uns etwas näher mit Königsberg befassen. Als kleinem Jungen vom Lande war mir Königsberg unerreichbar gewesen. Vor 700 Jahren vom deutschen Ritterorden gegründet, erhielt Königsberg 1286 die Stadtrechte. 1457 wurde die Burg Königsberg der Sitz der Hoch- meister des deutschen Ritterordens. Bis 1861 fanden hier Krönungs- feierlichkeiten für die preußischen Könige statt. Eine Jahrhundertelange natürliche Entwicklung hatte die Stadt mit Zugang zur Ostsee bis 1945 zu einem beachtlichen Wirtschafts- und Bildungs- zentrum werden lassen. Was ist davon übrig geblieben? Ein Symbol hierfür ist die Domruine mit dem Kant-Grabmal. Außer ihr gibt es nur noch wenige alte geschichts- trächtige Bauwerke. Zu gründlich waren die westlichen Luftangriffe im August 1944 gewesen. Danach haben die Russen hemmungslos noch Jahr- zehnte später nachweislich sogar wieder aufbaufähige alte Wahrzeichen der Stadt nach Plan vernichtet. Für die alten Königsberger muß die heutige Stadt ein Schreckbild sein, so wie für die alten Jägertaler ihr Dorf ein Alptraum. Unsere Taxirundfahrt durch Königsberg können wir jeweils an Ort und Stelle unterbrechen. Vieles was wir sehen, ist depremierend und nur wenig erfreulich. Positiv möchte ich hier den originalgetreuen Aufbau des Schau- spielhauses mit dem Schiller-Denkmal vermerken. Ebenso heben sich ver- schiedene Verwaltungsgebäude wegen ihres äußerlich gut gepflegten Zu- standes deutlich von ihrer Umgebung ab. Erwähnenswert sind auch noch einige ansehnliche Wohnhäusser und Villen aus der alten Zeit an manchen Straßen des äußeren Stadtbereichs. Ganz negativ ist, daß der ehemalige Stadtkern nur mit häßlichen Wohnsilos ver- unstaltet wurde, die jetzt schon äußerst renovierungsbedürftig scheinen. Der Königsberger Hafen wirkt auf uns wie ein Schrott- und Müllplatz zu Wasser und am Lande. Ähnlich muten die museumsreifen Straßenbahn- wagen an, die auf einem Schienennetz durch Königsberg rumpeln, das viel- leicht schon hundert Jahre alt ist. Ebenso befinden sich viele Königsberger Straßen in einem erbärmkichen Zustand. Unser Chauffeur umrundet sehr tiefe Schlaglöcher nur im 1. Gang und weit hervorstehende oder einge- sunkene Bahnübergänge muß er noch langsamer überqueren. Gelinde gesagt, als seltsam empfinden wir es, daß die Luisenkirche als Puppentheater benutzt wird. Sehr bescheiden ist die Qualität des Bernsteinmuseums einzustufen. Abgerundet wird das schlechte Gesamtbild durch Menschenschlangen vor Läden und Märkten, Beweise einer schwierigen und mangelhaften Ver- sorgungslage. Auch heute sehen wir im Vorbeifahren wie auf den Gehwegen an verschiedenen Stellen der Stadt vor allem ältere russische Frauen alles mögliche zum Verkauf anbieten. Bei einem Halt, um uns das näher anzu- sehen, haben wir große Hemmungen. Die Notlage ist so offensichtlich, daß man als Außenstehender betroffen wird. Im Laufe des Nachmittages haben wir fürs erste genug und ruhen uns in einem Park in der Nähe der Luisenkirche aus. Zu vieles ist mir unver- ständlich. Werden sich die Menschen hier und um Königsberg mit den schwierigen Lebensbedingungen und einer völlig unterentwickelten Infra- struktur auch weiterhin, so wie bisher abfinden? Wie würden wir reagieren, wenn die tägliche Lebensmittelbeschaffung - von etwas anderem soll hier gar nicht die Rede sein - für uns ein Problem wäre? Am Ende unserer Taxirundfahrt lassen wir uns an der Dominsel in unmittel- barer Nähe des Hotels absetzen. In den vergangenen Tagen hatten wir uns hier schon mehrmals morgens oder am Abend zur Beruhigung unserer strapazierten Nerven aufgehalten. Hier befand sich einst der mittelaterliche Stadtkern, von dem nur noch die imposante Domruine steht. Hier schlug das Herz von Königsberg! Davon ist leider nichts mehr zu spüren. Doch der Dom fast verloren in der Umgebung einer öden und tristen Betonkulisse ist trotz allem Elend eine Zufluchtsstätte geblieben. Für uns Ostpreußen könnte er symbolhaft noch viel mehr bedeuten: Menschen, die gegen ihren Willen aus diesem Land vor 47 Jahren vertrieben bzw. später gewaltsam verschleppt wurden, dürfen dieses Land lieben so lange sie leben. Morge treten wir die Rückreise an und es ähnelt wieder einer Flucht, ich fliehe vor etwas, das ich nicht länger ertragen kann.
 Neue Ostpreußenkarte

Eine zusammenfassende Reisebtrachtung

oder

Die Gedanken sind frei

Alle Macht des Himmels steht auf der Seite des Rechtes. Wehe dem, der eine andere Politik anerkennt als diejenige, welche die Rechtsgesetze heilig hält! (Immanuel Kant) Nach langen Jahren vergeblichen Hoffens durfte ich endlich als Erwach- sener meine Heimat wieder sehen. Meine Eltern, die hier viel intensiver verwurzelt waren, sind mit ihrer Hoffnung gestorben. Was hat mir diese Reise gebracht? Ich bin unruhiger als vorher. Mein Verstand sagt mir, du hast Haus und Sicherheit in Deutschland und mein Herz schlägt für Jägertal, das es so wie früher gar nicht mehr gibt. Bin ich reif für einen Psychiater? Wie ist meine Zerrissenheit und die vieler Heimat- freunde zu erklären? Ich glaube, die Ursachen gehen weiter zurück. Die Heimatvertriebenen hätten viel früher und geschlossener erkennen müssen, daß sie letztlich von allen Bundesregierungen, Parteien und dem Bundesverfassungsgericht im Stich gelassen wurden. Mit dem Lastenaus- gleich zunächst ruhig gestellt, weiteren Versprechen und Beschwichtigungen hingehalten und dem Aufbau neuer Existenzen hatten sich die Menschen aus dem Osten ablenken lassen. Die Verknüpfung der deutschen Einheit mit der nicht zwingend notwendigen endgültigen Anerkennung der pol- nischen Westgrenze war eine weitere ungeheuerliche Fehlleistung deutscher Politik. Außer einigen Bundestagsabgeordneten, den vertriebenen Pommern, Schlesiern und Ostpreußen, hat auch dieser Vertrag keinen mehr groß aufgeregt. Wie seltsam es ist in diesem Zusammenhang, daß die derzeitige Bundes- regierung die japanische Forderung, Rußland müsse die im zweiten Welt- krieg annektierte Kurillen-Inselgruppe wieder zurückgeben, noch immer unterstützt, aber alle nicht unberechtigten deutschen territorialen An- sprüche an die Russen überhaupt nicht in Erwägung zieht? Es ist wohl so, daß der Besuch meiner alten Heimat bei aller Trostlosigkeit und Enttäuschung meine Bindungen nur noch fester geknüpft hat. Mit dem jetzt persönlich erlebten hoffnungslosen Zustand auf vielen Gebieten im heutigen nördlichen Ostpreußen kann ich mich nicht einfach zufrieden geben. Ich glaube, daß die hier lebenden Russen, eingeklemmt zwischen Polen und Litauen, noch mehr auf unsere Hilfe als die Menschen in den übrigen neuen Sowjetstaaten angewiesen sind. Die Rückständigkeiten im Vergleich zu polnischen und litauischen Verhältnissen unmittelbar um diesen Landesteil lassen keinen anderen Schluß zu. In diesen Ländern ist man offensichtlich fähiger und um einiges verantwortungsbewußter bemüht, westliche Kredite und Wirtschaftshilfen besser einzusetzen. Wobei die politische und wirtschaftliche Lage Polens insgesamt bekanntlicher- weise äußerst angespannt ist und sich noch verschärfen wird. Für mich ist augenscheinlich: das nördliche Ostpreußen, ohne rechte politische und wirtschaftliche Anbindung an die alte Sowjetunion, ist für Moskau, auch als Militärstützpunkt, kaum noch zu halten. Rußland und die Nachfolgestaaten werden in nächster Zeit mit ihren unzähligen ungelösten überaus schwierigen Reform-Problemen so beschäftigt sein, daß, zwangs- läufig das Gebiet um Königsberg eine untergeordnete Rolle spielt. An allen Ecken und Enden dieses Landesteiles ist für mich schon jetzt offensichtlich, daß diese Enklave äußerst stiefmütterlich behandelt wird. Nur die hier wohnenden einfachen Russen selbst können oder wollen es noch nicht wahrhaben. Ist es daher so abwegig, in Nordostpreußen für Deutsche und Russen ent- gegen allen Risiken eine einmalige große Aufgabe zu sehen, das weitere Schicksal gemeinsam neu zu gestalten? Hätten nicht die Menschen beider Volksgruppen allein durch Möglichkeiten der Mittlerfunktion zwischen Deutschland und den russischen Nachfolgestaaten reelle Zukunftschancen? Die Ansiedlung einiger hunderttausend Wolgadeutscher, die hier höchst- wahrscheinlich unproblematischer verlaufen wird als in dem ehemaligen Wohngebiet, wo es große Berührungsängste gibt, ist nur ein kleiner Schritt. Rückkehrwillige Vertriebene und andere interessierte Menschen offiziell in diese Aktion einzubeziehen, wäre eine weitere Überlegung. Mit deutscher finanzieller Unterstützung und verwaltungstechnische prak- tische Anleitung ist der Aufbau einer lebensfähigen Landwirtschaft mit guten Absatzmärkten Richtung Osten kein Hirngespinst. Für den indu- striellen und handwerklichen Bereich ist dies ganz nüchtern betrachtet nicht anders zu sehen. Unsere außenpolitische Scheckbuchdiplomatie hat in den vergangenen Jahrzehnten die halbe Welt mit Milliarden von Steuergeldern beglückt, die oft weniger gut angelegt waren. Offene Grenzen besonders in Richtung Südwesten sind eine weitere wesent- liche Vorraussetzung für eine Verbesserung der russischen Lebensbe- dingungen. Außer für humanitäre Hilfstransporte ist es für Touristen noch immer nicht möglich, vom polnischen Bartenstein über Preußisch Eylau direkt nach Nordostpreußen zu gelangen. Hinter der polnischen Verwei- gerung steht wohl vor allem die Mißgunst, den in den letzten 15 Jahren Devisen bringenden deutschen Touristenstrom, möglicherweise bald mit den Russen teilen zu müssen. Es erstaunt mich mit welcher Geduld die Russen diese Schikane und andere Unverschämtheiten bis heute hinnehmen. Warum hat man in Polen so schnell vergessen, was hermetisch abgeriegelte Grenzen für Menschen bedeuten? Für mich ist dies der erste schwerwiegende Versuch, die von russischer Seite aufgegebene Isolation Nordostpreußens durch eine politische Blockade zu ersetzen. Die Polen wittern das ganz große Geschäft. Wer direkt ins Königsberger Gebiet fahren oder reisen will, soll zahlen. Ähnliche Benut- zungsgebühren werden woanders schon längst erhoben. Die angeblichen Betrügereien an deutschen Touristen in großem Umfang, die ohne grüne Versicherungskarte nach Polen reisen wollen, passen genau in dieses trübe Bild. Der lautstarke Protest der Vertriebenenverbände und der Reisebranche wird in Bonn noch ignoriert. Wie so oft wird auf Zeitgewinn und in diesem Fall auf den guten Willen der Polen gesetzt. Am Ende wird der deutsche Steuerzahler wieder der Gelackmeierte sein. Allein mit der Androhung, einige der immer noch sprudelnden Geld- quellen nach Polen zu verschließen und an der deutsch-polnischen Grenze Repressalien in Aussicht zu stellen, könnte man die Polen ganz schnell an den Verhandlungstisch zwingen. Es ist heuchlerisch, seitens der Bundesregierung nur an die Vertriebenen- verbände zu appellieren, "die alten Schlachten von gestern zu beenden", aber gleichzeitig deutsche Interessen für die Zukunft weiterhin leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Ich wünsche mir mehr deutsche Politiker und Menschen, die in den Begriffen Nation, Vaterland und Heimat nicht nur Konfliktstoffe sehen, sondern Wertgrößen, für die es sich lohnt, sich mit Herz und Verstand konsequent einzusetzen. Meine Hilflosigkeit soll mich nicht daran hindern, an die Idee und den Versuch der Schaffung einer deutsch-russischen Republik um Königsberg, auch als einem Zeichen der Aussöhnung, zu glauben.

Das Ostpreußenlied

1. Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen, über weite Felder lichte Wunder gehn. 2. Starke Bauern schreiten hinter Pferd und Pflug, über Ackerbreiten streicht der Vogelzug. 3. Und die Meere rauschen den Choral der Zeit, Elche stehn und lauschen in die Ewigkeit. 4. Tag ist aufgegangen über Haff und Moor, Licht hat angefangen, steigt im Ost empor.

Das Ostpreußenlied in der neuen Version

1. Sag mir wo die Dörfer sind, über Trümmer irr ich blind: Der Krieg hat sie vernichtet. 2. Sag mir wo die Bauern sind, nirgendwo ich einen find; der Haß hat sie vertrieben. 3. Sag mir wo die Elche sind, keiner lauscht im Wind; die Dummheit hat sie getötet. 4. Sag mir wo die Gräber sind, von Mann, von Frau und Kind; die Zeit hat sie genommen. 5. Sag mir werden hier einst wieder, Elch und Bauer sein, Mütter lachen, Kinder schrein. Die Antwort - diese Antwort weiß nur der Herrgott allein.
 Bilder aus Jägertal