Chronik

Klein Jägersdorf / Jägertal

1684 - 1945
von

Eine umfassende Besiedlung Ostpreußens, die Schatullsiedlung, begann zur Zeit des Großen Kurfürsten (1640-1680). Im Bereich des Kirchspiels Norkitten (Amt Insterburg) wurden große Flächen in den Forsten Astra- wischken und Kranichbruch für die Schatullsiedlung aufgeteilt. Das Dorf Klein Jägersdorf gehörte bis 1850 zum Kirchspiel Norkitten. Als der Große Kurfürst die Regierung antrat, litt das Stammland, die Mark Brandenburg, unter den Schrecknissen des 30jährigen Krieges. Allein das Herzogtum Preussen (= Ostpreussen) befand sich in geordneten Verhältnissen. Der Kurfürst sah dort die einzige Möglichkeit, Geld für die Wiederherstellung des Stammlandes zu beschaffen. Erheblich eingeschränkt war seine Macht allerdings durch die Privilegien der Stände. Sogar die Kurfürstlichen Domänen waren von seinem Vorgänger an die Adeligen verpfändet worden, so daß die Landesherrschaft Bran- denburg/Preußen auf das Wohlwollen der Stände angewiesen war. Der Kurfürst verfügte allerdings über eine Privatkasse, die Schatulle. In diese flossen u.a. die Einkünfte aus dem Waldwerk, womit die Holz- gelder, die Abgaben der Teer- und Pottaschenbrenner, der Beutner und die Weidegelder in den Kurfürstlichen Wildnissen gemeint sind. Um sich eine neue Finanzquelle zu verschaffen, beschloß der Kurfürst, die Ödlandflächen in den riesigen Wäldern Ostpreußens an Siedlungswillige gegen Entrichtung des Grundzinses freizugeben. So begann diese große Siedlungswelle, die Schatullsiedlung, durch die erneut ein großes Ausweiten der Kulturlandschaft und des ostpreußischen Lebensraumes stattfand. Auch Klein Jägersdorf verdankt seine Enststehung dieser Schatullsiedlung. So wurden an den Rändern der Forsten Astrawischken / Kranichbruch nach und nach neue Dörfer angelegt: 1646 Uderballen (Otterwangen), 1656 Groß Jägersdorf, 1684 Groß Eschenbruch und eben- falls 1684 Klein Jägersdorf mit 17 Hufen und 18 Morgen, nachdem das Land für die Dorfschaft bereits im Nov. 1681 vom Kurfürstlichen Land- vermesser Jeremias Kuntzmann vermessen und mit Grenzpfählen umgeben worden war. Dies ist aus der 1684 erteilten Berahmungsurkunde ersicht- lich. Leider werden die Namen der ersten Siedler in dieser Urkunde nicht erwähnt. Man weiß aber, daß für die Besiedlung von dem zustän- digen Oberwildnisbereiter (Oberforstmeister) nur Leute ausgesucht wurden, die aus der näheren Umgebung stammten und zuvor als Waldar- beiter, Aschenbrenner, Beutner und Teerkocher in der Widnis gearbeitet hatten. Der Andrang war groß, denn die Schatullbauern waren recht- lich weit besser gestellt als die Scharwerksbauern. In der Berahmungs- urkunde für Klein Jägersdorf heißt es zum Beispiel: "Frey von allen und jeden Unpflichten, Einquartierungen, Schaarwerken und anderen Beschwerden wie immer diese Nahmen haben...". Aus Erfahrung wußte man, daß mindestens 6 - 8 Neusassen (Siedler) zusammen wohnen mußten, damit sie sich in Zeiten der Not und bei den schweren Rodungsarbeiten unterstützen konnten. Mit ihren Familien führten sie ein Eigenleben, fern der Dörfer und Städte, die längst bestanden. Nach den Rodungsarbeiten mußte das Land urbar gemacht werden, um das erste Korn für das erste Brot zu ernten. Bis dahin lebten sie von den Fischen in Seen, Flüssen und Teichen, von den Früchten des Waldes und von ihrem Vieh, das sie im Wald hüten durften. Ein Schatulldorf erkennt man an seiner Anlage. Von W. E. Ebert wird es so geschildert: "Hof an Hof, Haus an Haus sind die Anwesen längs eines Weges, eines Seeufers oder Teiches aneinandergefügt." Auch die Wege in Klein Jägersdorf laufen parallel zu Dorfgraben und Dorfteich. Gemäß der damals üblichen Dreifelderwirtschaft wurde die gesamte Flur in drei zusammenhängende Flächen unterteilt: die Sommerung, die Winterung, die Brache, und jeder Dorfinsasse erhielt seinen Anteil. Nach 3 Frühjahren, in denen die Einwohner von Klein Jägersdorf von allen Abgaben befreit waren, zahlten sie den im Berahmungsvertrag festgestzten Zins (284 Mark pro jahr die ganze Dorfschaft). Oft mußten die Beamten des Kurfürsten bzw. des Königs Klagen der Schatullbauern wegen unerlaubter Übergriffe der Adligen untersuchen und schlichten. Beim Geheimen Staatsarchiv in Berlin ist zum Beispiel über eine Klage der Dorfschaften Groß Jägersdorf und Klein Jägersdorf gegen den Hauptmann von Lesgewang wegen Scharwerk und Landwegnahme Aktenmaterial vorhanden. Lesgewang war Besitzer von Almenhausen. Da, wie schon erwähnt, die Namen der ersten Siedler nicht überliefert sind, wissen wir auch nicht, welche Familien aus dem Dorf die große Pest von 1709/10 überlebt haben. Der erste Name aus Klein Jägersdorf findet sich in einer Musterrolle von 1732 des Königsberger Garnisons- regiments. Der Mann hieß Michael Alznait und wird als Reservist geführt. In den Steuertabellen von 1740-1746 ist dieser Name aber schon nicht mehr vorhanden. Dafür enthalten diese Stuerlisten aber schon Namen, die es noch bis zur Vertreibung im Dorg gab: Brätschkus, Zobel, Rosner, Schlagorus. Die meisten Namen sind aber in den Steuertabellen von 1800 nicht mehr da, weil immer wieder Besitzveränderungen durch Einheirat oder Kauf vorkommen. Aus den Namen der Dorfbewohner ist auch deren Abstammung ersichtlich. Eindeutig überwiegt das litauische Element. Nur 6 von 16 Einwohnern tragen deutsche Namen. Bei George Preuß dürfte es sichum einen Nachfahren der pruzzischen Ureinwohner handeln. Um 1745 ist die Wiederbesiedlung des durch die große Pest teilweise entvölkerten nördlichen Ostpreußen abgeschlossen. Ruhige Jahre für die ganze Provinz sollten folgen. Jäh wurde jedoch diese Ruhe 1757 gestört. Die Schlacht bei Groß Jägersdorf ist auch an Klein Jägers- dorf nicht spurlos vorübergegangen. Die russische Armee zog nach der Schlacht über Albrechtstal, Klein Jägersdorf, Eschenbruch, der geschlagenen preußischen Armee nach. In der "Chronik der Herrschaft Norkitten" werden die Zerstörungen in den einzelnen Dörfern durch die feindliche Armee eingehend beschrieben. Da Klein Jägersdorf nicht zur Herrschaft Norkitten gehörte, wird leider über unser Heimatdorf in der besagten Chronik nichts erwähnt. Nach Friedensschluß war Ostpreußen wieder eine längere Ruhepause gegönnt. Dorfschul ist um 1775 Christoph Schlojar. Zu dieser Zeit werden alle Einwohner des Dorfes, die bisher bei der Mühle Insterburg mahlpflichtig waren, zur Wassermühle Bubainen geschlagen. Um 1800 ist Michel Bretzkus Schulz im Dorf, und es kamen schwere Zeiten. Die "Franzosenzeit" brach an. Zwischen 1805 und 1812 kam es durch fremde Truppen gerade in den Kirchspielen Puschdorf und Norkitten zu zahlreichen Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen. Es herrschte eine unbeschreibliche Not. Erst um 1815 sind alle Schäden, die durch die Kriegsereignisse hervorgerufen waren, behoben, und das Leben ging wieder seinen normalen Gang. Auch über die Zeit von 1805-1815 gibt die "Chronik der Herrschaft Norkitten" Auskunft. 1816 schließen die Einwohner von Klein Jägersdorf unter dem Vorsitz ihres Schulzen George Bretzkus folgenden Vertrag mit der preußischen Regierung: "Die Finanz Deputation der Königl. Preuß. Regierung von Litthauen überläßt der Dorfschaft Klein Jägersdorff als Entschädigung für die von ihr bisher ausgeübte Weide Gerechtsame in der Astrawischkenschen Forst das ausgemittelte Abfindungs Terrain von 6 Hufen, 27 Morgen, 90 Ruten geschrieben sechs Hufen, 27 Morgen 90 Ruten Magdeburgisch zum vollständigen Eigentum, dargestalt, daß den Erwerbern und ihren Nach- folgern im Besitze das unbeschränkte Eigentumsrecht zustehen soll. Dagegen leisten dieselben für sich ihre Erben, Nachfolgern und künf- tige Besitzer auch auf das bisherige Holtz-Recht in der Astrawisch- kenschen Forst auf ewige Zeiten Verzicht." Weitere Verhandlungen schließen sich an, und 1820 wird von der Dorf- schaft noch ein Grundstück von 151 Morgen 69 Ruten in der Astrawisch- ker Forst erworben. 1823 endlich wird dieser Kauf von der Regierung in Königsberg bestätigt. Es sollen nun für Ostpreußen fast hundert Jahre Frieden und ständige Aufwärtsentwicklung folgen. Ab 1850 gehört Klein Jägersdorf zum Kirch- spiel Puschdorf, nach dem es von 1684 zum Kirchspiel Norkitten gehörte. Der eigene Friedhof wurde etwa um 1820 angelegt. Ab 1856 hat das Dorf auch eine eigene Schule. Vorher müssen die Kinder in Groß Eschenbruch zur Schule gegangen sein. Nach einem Vertrag von 1817 hat die Dorf- schaft jedenfalls Abgaben an den Lehrer dort zu leisten. Erster Lehrer im Dorf war Pöwe. Ihm folgt 1893 Schutter, danach ab 1932 Lehrer Neumann. Interessant ist, daß im Jahre 1871 von 241 Einwohnern (über 10 Jahre) noch 73 Analphabeten sind. Alle sind evangelisch und geben deutsch als Muttersprache an. Die Ortsgrundfläche beträgt zu dieser Zeit 407 ha. Im August 1914 bei Ausbruch des ersten Weltkrieges besetzen die Russen wieder einmal unser Land. Schwer hat Ostpreußen zu leiden. Zum Glück dauert die Besetzung nicht lange. Aber auch in der kurzen Zeit waren die Zerstörungen beträchtlich. Wieweit unser Dorf in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist leider aus der Literatur über diese Zeit nicht ersichtlich. Vielleicht kann einer der älteren Einwohner hier noch Auskunft geben, soweit sie noch am Leben sind. Am 17.10.1928 wird unser Dorf in Jägertal umbenannt. Gleichzeitig werden Albrechtsthal mit Försterei und die Försterei Rose eingemeindet. 1938 wird noch Szallies (Mengewiesen) eingemeindet. Die Ortsgrundfläche steigt dadurch auf 1561 ha. Wie es nun in unserer Heimat im letzten Friedensjahr 1939 aussah, gibt die Statistik Auskunft. Danach wurden in der Gemeinde Jägertal gezählt: 111 Haushalte, 404 Einwohner, 201 männlich; 54 unter sechs Jahre, 59 zwischen 6-14, 246 zwischen 14-65; es waren tätig 267 in Landwirtschaft und Forsten, 39 in Handwerk und Industrie, 25 in Handel und Verkehr, 13 Beamte und Angestellte. Zahl und Größe der landwirtschaftlichen Betriebe: 19 zwischen 0,5-5 ha, 7 zwischen 5-10 ha, 19 zwischen 10-20 ha, 9 zwischen 20-100 ha, 1 über 100 ha. 1945 nahm das alles ein jähes Ende. Die Einwohner leben heute überall verstreut. Geblieben ist nur die Liebe zur Heimat der Vorfahren und die Hoffnung. Mit einem Wort des Großen Kurfürsten möchte ich schließen: :Allzeit bereit, kein Unglück ewig".