Ostpreußenreise

ist für mich immer noch wie ein Traum!!!!! Es war einfach wunderschön. Extra heißes Wetter. Klimaanlage im Bus. Die hat mir dann auch eine dicke Bronchitis eingebracht.

Am 26.07.02 ging die Reise los. Morgens um 4 Uhr aufstehen. Uäh!!!! Blick aus dem Bad ins Bruch. Dicker Nebel, nur die Bauminseln ragten wie prähistorische Monster aus dem Nebelmeer. Und ich mußte mit dem Auto bei normaler Witterung bis Rodewald /Celle ca. 90 Min. fahren. Dann ging die Sonne auf. Alles wurde in ein unwirkliches rosa Licht getaucht. Einfach toll.

Mit dem Bus ging es gegen 7 Uhr los. Viele hatten sich wegen der Witterung verspätet. Fast die ganze Reisegesellschaft setzte sich aus Jägertalern zusammen. Fam. Brätschkus belegte über die Hälfte im Bus, Fam. Makollus, Fam. Link, Fam. Hauptmann. Aus Groß Eschenbruch waren nur meine Tante Ulli Heske und ich dabei. Dann noch einige Personen, die nur wegen der Landschaft und nicht wegen "Heimat dabeiwaren.

Zuerst landeten wir in Schneidemühl. Dann Marienburg ( nur von Weitem ), Elbing, Frauenburg, Braunsberg. Polnisch-Russische Grenze. Schweigen breitete sich im Bus aus. Alle waren geschockt vom Anblick der Häuser, der Menschen. Völlig verdreckte und abgemagerte Kühe trotteten quer über die Hauptverkehrsstraße. Es war alles sehr bedrückend. Viel Zerfall. In Polen war alles so schön. Und nun!!! Was sollte uns noch erwarten? Dann waren wir endlich in Rauschen. Von dort am 29.07.02 dann Richtung Jägertal und Groß Eschenbruch. An Königsberg vorbei Richtung Insterburg. Fast kein Land war bestellt. Alles war wuchernde Wildnis. Bauminseln machten sich breit in den ehemaligen Feldern und Wiesen.In Norkitten gings dann rechts ab. Alle waren freudig erregt. Guck mal hier und weißt du noch da. Die Straße eine Sandpiste, aber gut befahrbar. Die Obstbäume hingen sagenhaft voll Obst. Aber nirgends ein Haus oder Vieh. Weit am Horizont ein kleines weißes Etwas vor dunklem Wald. Im Fernglas sah man einen weißen Obelisken. Wurde von den Russen zur Erinnerung an die Schlacht von Groß Jägersdorf am 30.08.1757

errichtet. Dann kamen wir zur sogenannten "roten Brücke". Ein versonnenes Lächeln machte sich auf den Gesichtern der älteren breit. Es war der Treffpunkt der Jägertaler Jugend gewesen.Dann gings weiter in den "Ort". Man sah kein Haus.

Außer Wildnis und die schon bekannten Baumgruppen an ehemaligen Siedlungsstellen. Der Bus hielt. Einige Jägertaler stiegen aus, um den Friedhof zu suchen und was übrig war von den Häusern. Wir fuhren bis Groß Eschenbruch.

Nichts.

Außer ein alter Strommast mit Storchennest. Was für ein Empfang. Jedenfalls Störche gab es noch. Sonst nur flimmernde Hitze über dem wilden Grasland.

An der Straße Richtung Puschdorf sind dann meine Tante und ich ausgestiegen. Zu Fuß ging es dann Richtung Wald. Irgendwie unheimlich. Keine Geräusche (weder von Tieren noch Autos usw.) nur die flirrende Hitze. Die Straße war gut begehbar. Dann gings in den Wald. An der Hofstelle von Schmelkus vorbei, nur Gestrüpp. Dann standen wir selber in hüfthohem Gras. Meine Tante ist schon achtzig. Allein hätte ich mich schon durch-gearbeitet, aber in welche Richtung. Immer am Waldrand lang, sagte meine Tante, alte Weidenbäume standen früher am Weg. Dann kam sie doch mit. Immer hinter mir.Zum Glück trafen wir dann auf einen Trampelpfad. In der Wildnis ein Trampelpfad??? Fingerdicke Risse im Boden, so ausgetrocknet war das Land. Zielsicherging dann meine Tante auf die ehemalige Hofstelle zu. Obwohl der Wald mindestens 30 Meter Richtung Land gewandert war. Seit 1941 war meine Tante nicht mehr dort gewesen. 20 Jahre hatte sie hier mit der Familie gelebt und gearbeitet. Auf der Hofstelle standen große Bäume, im Durchmesser 30-50 cm dick.Als wir uns an den Schatten gewöhnt hatten, sahen wir rote Ziegelsteine herumliegen. Jemand hatte das Fundament aufgegraben und alle verwertbaren Steine mitgenommen. Daher auch der Trampelpfad. Den fast noch intakten Brunnen habe ich dann gefunden, und den nun ausgetrockneten Bach, der zur Menge führt. Der ehemalige Garten war ein Baumdickicht.


Meine Tante erzählte mir Geschichten. Der Blick Richtung Groß Eschenbruch war schön über die weite Ebene, nur die Häuser fehlten. Und die Wildnis hatte das Ackerland und die Wiesen unter sich begraben. Es ist trotz der Wildnis ein schönes Fleckchen Erde! Irgendwann hat sich meine Tante dann losreißen können und wir sind Richtung Hofstelle Schmelkus marschiert und von dort dann noch Richtung Hofstelle Neumann-Niklas. Habe ein paar Fotos gemacht. Die Zeit drängte, wir mußten zurück. Zu Fuß bis Jägertal und das in der Hitze. Unterwegs haben wir uns an den Obstbäumen bedient. Äpfel und Kruschken ( Birnen ), waren zwar noch nicht ganz reif, aber trotzdem köstlich. Der Bus wartete in Jägertal am Gasthaus Wenzel.

Jetzt ein schönes Bier!!!

Aber es gab nur noch die Kellertreppe und ein paar Stufen der Haustreppe. Die Jägertaler erzählten uns, daß überall die Fundamente aufgegraben worden waren. Die Menschen bekommen für die Steine Geld und stocken damit ihr Einkommen auf. Kolchosen gibt es nicht mehr, alles zusammengebrochen. Auch sonst keine Arbeit in den entlegenen Dörfern in denen noch Menschen leben.Durch das Aufgraben der Fundamente hat die Fam. Brätschkus den Grundstein der Hofstelle von 1823 gefunden. Mit mehren Männern wurde er dann zum Bus geschleppt. Nun hat der Grundstein seinen entgültigen Platz wohl gefunden, im Südschwarzwald beim ältesten Sohn der Brätschkus`.

Dann gings Richtung Insterburg. Endlich mal ein bißchen Landwirtschaft. Nicht nur Wildnis. Die alte Schule, Kaserne und der Gasthof stehen noch in Insterburg. Sind noch gut in Schuß. Der Rest bröckelt so vor sich dahin. Sogar vom obligatorischen Lenindenkmal hatte man die Stufen geklaut. Ts.Ts.

Puschdorf der reinste Verfall. Nicht mal die Kirche haben wir gefunden. Nur Gestrüpp. Zurück nach Rauschen. Dann Pillau. Sondergenehmigung muß sein. Bernsteingruben in Palmnicken. Nichts los. Alles verfällt.

Pillau selbst sieht aus wie vor 50 Jahren.Sogar die Einschußlöcher in den Hauswänden sind noch vorhanden. Und ich habe auf der Straße einen Kanaldeckel gefunden, aus der Kaiserzeit. In Königsberg gegossen. Aber es gibt ein kleines Museum und die Fundstücke sind in kyrillisch und in deutsch beschriftet. Welch ein Fortschritt.


Einen neuen Soldatenfriedhof gibt es auch. Über 4000 dt. Soldaten sind dort auf den Bronzeplatten mit Namen verewigt. Ein paar Meter weiter rauscht die Ostsee. Weiter Richtung Germau. In Pillau, wie in Germau Horden bettelder Kinder. Sogar im extra bewachten Hotel in Rauschen alte Frauen, die betteln. Es ist schon frustrierend. Dann Besichtigung von Königsberg. Fast alle Städte sind zu 80% im Krieg zerstört worden. Aber den Dom hat man wieder aufgebaut und das Kant-Grab war nie zerstört. Im Dom gibt es jetzt eine permanente Kant-Ausstellung.

Dann sollte es eigentlich über Bartenstein wieder Richtung Polen gehen. Aber nein, wir müssen den Grenzübergang nehmen, an dem wir ins Land gereist sind. Zurück nach Braunsberg Richtung Frauenburg. Sind alle froh, daß wir wieder in Polen sind. Wer hätte das gedacht! Viel Zeit wie immer ist nicht. Kopernikus ist gestrichen. Aber den Gedenkstein für die Zivilopfer 1945 können wir noch schnell besuchen. Der Stein steht seit diesem Sommer. Und ist in deutsch und polnisch beschriftet. Das ist das Negative mit Busfahrten, immer der großen Horde anschließen. Nie Zeit. Eigene Wünsche zurückstellen. Ätz.


Richtung Masuren. Sensburg, Nikolaiken, Heilige Linde usw. Einfach schön. Sogar eine Fahrt über die sogenannten Rollberge haben wir unternommen. Polen ist touristisch voll erschlossen. Rußland ist noch Abenteuer pur. Aber die Menschen sind überall gleich nett und zuvorkommend. Niemand hat schräg geguckt. Außer an der Poln.-russ.Grenze.
Ein Ton wie zu DDR-Zeiten. Na,ja.

 

Marianne Heske, Juli-August 2002